Eine Pilgerreise in das Hl. Land

Pilgerbericht von Pfarrer Romanus Kohl

Liebe Schwestern und Brüder,
Ende April bis Anfang Mai war ich mit einer Gruppe im Hl. Land. Wir waren an verschiedenen Orten, die in der Bibel erwähnt werden. Ich möchte Sie in Gedanken noch einmal mit auf diese Reise und an diese biblischen Orte nehmen.
Unsere Reise begann in Tel Aviv, einer modernen Großstadt am Mittelmehr. Tel Aviv, was übersetzt „Frühlingshügel“ heißt, wurde 1909 gegründet. In Ezechiel Kapitel 37 kann man von einer Vision lesen, dass aus totem Gebein neues Leben ersteht. In der ersten Gründung einer hebräischen Stadt nach 2.000 Jahren Diasporajudentum wird diese Vision Wirklichkeit. In Ezechiel 3,15 wird von einem Ort „Tel Abib“ gesprochen, der Pate für den Namen der neuen Stadt stand. In der Nachbarschaft von Tell Aviv liegt die antike Hafenstadt Jaffa oder Yafo. In der Bibel wird sie Joppe genannt. Hier möchte ich an 2 Ereignisse aus der Bibel erinnern. Der Prophet Jona bekommt von Gott den Auftrag, den Leuten in Ninive Umkehr und Buße zu predigen. Er weigert sich und schifft sich in Joppe ein. Er will auf dem Meer vor Gott fliehen. Es kommt ein Sturm, Jona stürzt ins Meer, ein großer Fisch/Wal verschluckt Jona und er wird nach drei Tagen wieder an Land gespült. Letztlich erfüllt Jona seinen göttlichen Auftrag. Nachzulesen im Buch Jona. Das 2. biblische Ereignis in Joppe können wir in der Apg 10,1-16 nachlesen. Petrus ist in Joppe im Haus Simons des Gerbers zu Gast. In der Mittagsstunde geht Petrus auf das Dach und will beten. Er bekommt Hunger und plötzlich hat er eine Vision. Er sieht, wie ein großes Tuch aus dem Himmel auf ihn zukommt. Auf diesem Tuch sind alle möglichen Vierfüßler, Kriechtiere der Erde und Vögel des Himmels. Eine Stimme ruft ihm zu: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus antwortet: „Niemals, Herr! Noch nie habe ich etwas Unheiliges und Unreines gegessen.“ Die Stimme spricht ein zweites Mal:“ Was Gott für rein erklärt hat, nenne du nicht unrein!“ Diese Vision war mit entscheidend für die Entwicklung des Christentums, nicht den Weg über die jüdischen Reinheitsgebote zu gehen, sondern sich auf eine neue Art zu gründen.
Die Geschichte mit Petrus geht in Cäsarea am Meer weiter, unserem nächsten Reiseort. Caesarea Maritima, eine Stadt, die von König Herodes zu Ehren des römischen Kaisers gebaut wurde, war später der Sitz des Pontius Pilatus. Hier konnten wir die Ausgrabungen und Reste des Herodespalastes, des Hafens und der Pferderennbahn sehen. Aber besonders interessant war ein Widmungsstein für Kaiser Tiberius, den man hier gefunden hat. Auf diesem Stein war der Name Pontius Pilatus zu sehen. Das ist ein nichtbiblischer Beweis, dass es ihn gegeben und dass er sich in Caesarea aufgehalten hat.
Weiter ging es über die Hafenstadt Haifa nach Akko, wo wir ein Gefängnis aus der britischen Mandatszeit und die Kreuzfahrerburg besichtigt haben. In Nazareth haben wir die moderne Verkündigungskirche besucht, die über der Wohnhöhle der Maria gebaut wurde. Aus vielen Ländern der Welt sind hier Mariendarstellungen zu sehen. Die Verkündigung der Geburt Jesus an Maria durch den Engel Gabriel in Nazareth kann man bei Lk 1,26–38 nachlesen.
Es ging von Nazareth weiter an den See Genezareth. Dort haben wird die Ruinen von Kursi besichtigt. Dieser Ort befand sich zur Zeit Jesu in der Dekapolis, auf der „anderen Seite“ des Sees. Hier wird an eine Begebenheit erinnert, bei der Jesus einen besessenen Mann von Dämonen befreit und diese Dämonen in eine Schweineherde fahren lässt, die sich dann in den See stürzt. Nachzulesen bei Markus 5,1-20. Wir waren auf dem Golan in Gamla, einer jüdischen Stadt, die 67 n. Christus bei einem Aufstand gegen die Römer zerstört wurde.
Dann haben wir im nördlichen Grenzgebiet vom Berg Bental nach Syrien und in den Libanon geschaut. In Banjas haben wir in einer wunderschönen Landschaft eine Wanderung entlang des Jordan Quellflusses gemacht. Dabei haben wir uns erinnert an die Begegnung Jesu mit seinen Jüngern in dieser Gegend, die damals Caesarea Philippi hieß. Hier fragt Jesus seine Jünger, für wen ihn die Leute halten würde. Jesus fragt auch seine Jünger, was sie glauben, wer er sei. Simon bekennt, dass Jesus der Messias, der Sohn Gottes sei. Darauf sagt Jesus zu Simon, dass er Petrus heißen soll und er die Schlüssel des Himmels übergeben bekommt. Nachzulesen bei Mk 8,27-29 und Mt 16,13-20.
Dann besuchten wir die christlichen Stätten am See Genezareth. Zuerst waren wir in der benediktinischen Kirche in Tabgha. Hier wird an das Wunder der Brot- und Fischvermehrung erinnert (Mt. 14,13-23; Mk. 6,30-44; Lk. 9,10-17; Joh. 6,1-13). Direkt am Ufer des Sees Genezareth haben wir unter freiem Himmel eine Messe gefeiert. Wir gingen dann zur Primatskapelle, die ebenfalls am Ufer des Sees liegt. Hier wird an die Begebenheit erinnert, als Jesus nach der Auferstehung mit den Jüngern gegessen hat und Petrus dreimal fragte, ob er ihn liebt (Joh 21,15-17). Danach fuhren wir auf den Berg der Seligpreisungen von wo man einen wunderbaren Blick über den See Genezareth hat. Es ging dann wieder hinunter an das Ufer des Sees nach Kafarnaum. Dort besichtigten wir die Ausgrabungen des Wohnhauses des Petrus und einer Synagoge. Nun war es Zeit für ein Mittagessen in Magdala. Es gab „Petrusfisch“ zum Essen. Dieser Petrusfisch erinnert an eine Begebenheit, die Sie bei Mt 17,24-27 nachlesen können.
Ein nächster Programmpunkt der Pilgerreise war eine Wanderung durch das Wadi Quelt vom Georgskloster nach Jericho. Unterwegs hörten wir um 10.00 Uhr Sirenentöne, die uns daran erinnerten, 2 Minuten still zu verweilen, um der 6. Millionen Opfer des Holocausts zu gedenken. Dieser Tag war in Israel Holocaustgedenktag.
Von Jericho fuhren wir nach Qumran und besichtigten die dortigen Ausgrabungen und schauten auf die Höhlen, in denen ein Hirtenjunge 1947 Tonkrüge mit 2.000 Jahre alten biblischen Schriftrollen gefunden hat. Dann war Zeit zum Baden im Toten Meer. Besser gesagt, liegen auf dem Wasser. Das Tote Meer befindet sich 430 Meter unter dem Meeresspiegel und hat einen Salzgehalt um die 30-32 %. Vom Toten Meer ging es zur letzten Etappe der Reise hinauf nach Jerusalem. Im Israelmuseum besichtigten wir das beeindruckende Modell der Stadt Jerusalem zur Zeit Jesu und betrachteten die Jesaja-Schriftrolle, die in Qumran gefunden wurde.
Es ging dann weiter in die Nähe von Betlehem auf die Festung Herodion, dem Ort des Grabes von König Herodes. Dann waren wir in der Geburtskirche mit der Geburtshöhle (Lk 2,1-7), feierten nebenan in der Hieronymushöhle die Hl. Messe und beendeten den Tag mit einem Besuch auf dem Hirtenfeld von Betlehem (Lk 2,8-15).
Am nächsten Tag fuhren wir auf den Ölberg und sahen das großartige Panorama der Stadt mit ihren Kuppeln und Kirchen, den kleinen Häusern der Altstadt und Hochhäusern des modernen Jerusalems. Wir gingen dann den Palmsonntagsweg hinunter in das Kidrontal, vorbei an dem riesigen jüdischen Friedhof, schauten durch das bekannte Fenster der Dominus flevit Kirche (Lk 19,41-44), und besuchten den Garten Gethsemane mit der Kirche aller Nationen oder auch Todesangstbasilika genannt. Hier gedachten wir der Angst und dem Gebet Jesu vor seiner Verhaftung (Mt 26,36-46; Mk 14,32-42; Lk 22,39-46; Joh 18,1). Durch das Löwentor gingen wir in die Altstadt von Jerusalem. Am Teich Bethesda lasen wir die Textstelle Joh 5,1-9, die Heilung eines Gelähmten am Sabbat. Nebenan in der Kreuzfahrerkirche St. Anna konnten wir mit unserem Gesang die wunderbare Akustik der Kirche ausprobieren. Wir gingen auf der Via Dolorosa, dem traditionellen Kreuzweg, bis zur Grabeskirche. Über das Dach der Grabes- oder Auferstehungskirche, wie sie von den Orthodoxen genannt wird, kamen wir durch die Kapelle der äthiopisch-orthodoxen Christen auf den Vorplatz der Kirche. Durch das Eingangsportal ging es auf den Golgothafelsen (Mt 27, 33; Mk 15,22; Lk 23,33; Joh 19,17+18) zu der Stelle, an der das Kreuz Jesu gestanden hat. Dann wieder hinunter zur Rotunde, in der das Grab Jesu steht (Mt 27,60; Mk 15,46; Lk 23,53; Joh 19,41+42). Wir stiegen hinunter in die Grigor-Kapelle der Armenier und in den noch tieferen Bereich der Grabeskirche, der Spuren des antiken Steinbruchs zeigt, in dem die Kaiserin Helena, nach der Überlieferung, das Kreuz Jesu gefunden hat. Am sogenannten Salbungsstein vorbei verließen wir die Grabeskirche wieder. Wer noch Energie hatte, konnte einen Rundgang auf der Stadtmauer machen. Die anderen gingen zum österreichischen Hospitz, einem Pilgerhaus, gegründet von den Habsburgern. Dort konnten wir bei Meindlkaffee und Apfelstrudel mit Schlagobers das Leben genießen und den Tag ausklingen lassen.
Am nächsten Tag besuchten wir den Abendmahlssaal und das symbolische Grab König Davids, besichtigten Ausgrabungen im jüdischen Viertel, konnten uns die wiedereröffnete Hurva Synagoge anschauen, mit dem wunderbaren Panoramablick auf die Stadt Jerusalem. Im Tempel Institut wurden wir informiert über den Betrieb und die Anlage des Tempels zur Zeit Jesu. An der Westmauer, die wir Klagemauer nennen, war es den Männern möglich, Bar Mitzwafeiern mitzuerleben; die Frauen mussten über den Trennungszaun zuschauen. Bar Mitzwa ist eine Feier, bei der ein jüdischer Junge im Alter von 13 Jahren zum ersten Mal aus der Hl. Schrift vorlesen darf und von dem Tag an als religiös erwachsen gilt. Wir gingen dann zu den Ausgrabungen der Davidstadt. Wer wollte, konnte den 500 Meter langen Hiskija-Tunnel (2 Kön 20,20; 2 Chr 32,30; Sir 48,17) in gebückter Haltung begehen. Der Tunnel aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. führt auch heute noch knietief Wasser von der Gihonquelle in den Teich Siloah. Es war ein wirkliches Abendeuer.
Die Pilgerreise endete am letzten Tag mit dem Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem. Die Bilder und Eindrücke vom Holocaust sollten aber nicht die Reise abschließen. Daher fuhren wir nach En Kerem, einem idyllischen Ort „im Bergland von Judäa“ (Lk 1,39-56). Hier wird an die Begegnung Marias mit ihrer Cousine Elisabeth gedacht.
Bei Kaffee oder Eis konnten wir die letzten Sonnenstunden im Hl. Land genießen, bis wir uns auf den langen und beschwerlichen Weg zurück in die Heimat machten. Eine unvergessliche Pilgerreise war beendet; friedlich ohne Situationen, die bedrohlich auf uns wirkten.
Ihr Pfarrer Romanus Kohl